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Télimélé 04.01.2010: Herzliche Weihnachtsgrüße aus Télimélé! - - - Ja, ja, ich weiß - wir sind mittlerweile auch im neuen Jahr angekommen. Aber sollten wir ein Stückchen Weihnachtsfreude nicht das ganze Jahr mit uns herumtragen? (Das hört sich fast schon heuchlerisch aus dem Mund eines bekennenden Weihnachtsverächters an...) In diesem Fall meine ich es jedoch ganz ernst, wie folgende Geschichte beweist:

Am 23. Dezember, dem Tag vor unserer großen Zentrumsweihnachtsfeier und den Weihnachtsferien, wartete die erste vorweihnachtliche Bescherung auf uns: Drei der fünf zentrumseigenen MP3-Spieler hatten sich in Luft aufgelöst. Die kleinen Geräte, gefüllt mit etlichen Stunden guter Musik, sind eine der kleinen Attraktionen unseres Center. Gern und ständig werden sie während der Öffnungszeiten ausgeliehen und ausgehört... Doch irgendjemand hatte es nicht übers Herz bringen können, sie allein im Zentrum zurückzulassen. Und anscheinend war dieser Jemand einer unserer 40 Stammgäste, der im Trubel des Zentrumsbetriebes still und heimlich aktiv wurde... Dementsprechend hoch schlugen die Wogen der Entrüstung. Nicht nur das Zentrum oder die Portobhe (Weißen) waren beklaut worden, sondern alle Musikliebenden Besucher. Wir machten aus der Not eine Tugend, beriefen eine Generalversammlung ein und fragten nach Lösungsvorschlägen.

Der erste Gedanke aus den Reihen unserer Studenten war typisch guineisch-pragmatisch: "Wir legen Geld zusammen und gehen zum Karamoko (dem Zauberdoktor). Der wird den Dieb verfluchen!" - Nicht unbedingt das, was wir als goldene Lösung bezeichnet hätten. Auch der zweite Vorschlag löste noch keine Begeisterungsstürme bei den Bleichgesichtern aus: "Wir informieren den Haupt-Imam der großen Moschee und machen die Angelegenheit beim Freitagsgebet öffentlich..." Diese Pauken und Trompeten wollten wir auch nicht erklingen lassen: "Glaubt ihr nicht, dass wir die Sache allein lösen können?" - Hmm. Glaubten sie nicht. Wir schon. Und starteten kurzerhand Kleingruppengespräche zum Thema "Warum wird geklaut?" - ohne allzu viele Hintergedanken und allzu große Hoffnungen.

Am nächsten Tag, dem Heiligabend, fand im Studienzentrum die Weihnachtsfeier statt. Und auch wenn wir das Thema MP3-Player nicht übermäßig oft betonten (ganz konnten wir es uns nicht verkneifen) - irgendwie schwebte es im Raum.

Trotzdem war's ein schöner Nachmittag, mit Spielen, besinnlichen Worten, Videopräsentationen, Musik, selbst gebackenen Weihnachtsplätzchen und Punsch. (Der Punsch war uns so gut gelungen, dass die Guineer ihn als westliches merkwürdig gewürztes Getränk links liegen ließen, so dass wir Europäer noch zwei Tage lang an 20 Litern des roten Tranks schlürfen konnten). Geschafft fuhren wir an jenem Abend nach Hause und entlud die Technik. Unsere eigene Heiligabend-Bescherung durfte kommen!

Und sie kam auch. Allerdings anders, als erwartet: Im Karton mit den Musiklautsprechern fanden wir zwei der verloren geglaubten MP3-Spieler. Die beiden Kurzzeitbesitzer hatte das Gewissen nach den Diskussionen im Zentrum so sehr geplagt, dass sie die Geräte wieder zurückgegeben hatten. Die niedergeschlagenen Gesellen waren uns schon am Nachmittag aufgefallen. Sie hatten äußerst eifrig beim Aufräumen geholfen, wollten dann aber urplötzlich nicht mit uns im Auto zurückfahren. Am nächsten Tag kamen die beiden Teens schuldbewusst bei uns vorbeigeschlendert. Es war eine dankbare Aufgabe, ihnen klarzumachen, dass wir alle von Vergebung leben. Und dass sie uns das schönste Weihnachtsgeschenk beschert hatten...

Heiko, Romy & die Gang

P.S. Und der dritte MP3-Player? Der wird seinen Weg hoffentlich auch noch zurück in unsere Hände finden. Immerhin wissen wir, wo er ist: Das dritte Mitglied unseres Kleeblatts illegaler Musikliebhaber, wurde am Abend seines Diebstahls das Gerät auch schon wieder los. Und zwar durch seinen großen Bruder, der auch gern so ein elektronisches Spielzeug haben wollte. Jener Bruder brachte es zu einem Mann, der guineische Fahrstuhlmusik darauf spielen sollte. Doch leider ging jener Mann am nächsten Tag auf Reisen. Weshalb wir uns erstmal in Geduld üben, Tee trinken. Und immerhin auf 4 MP3-Playern im Center Musik hören.

 

Télimélé 06.01.2010: Nachschlag zur Bescherung...Während ich vorgestern noch schamhaft an dem "P.S." unserer letzten Rundnachricht tippte, hatte sich die MP3-Angelegenheit schon vollständig erledigt...

Einer unserer älteren Klienten hatte die Sache selbst in die Hand genommen. Dabei half ihm, dass die Identität der drei Nachwuchspanzerknacker im Center zum offenen Geheimnis geworden war - ohne unser Zutun und gegen unser Wünschen. Der junge Mann namens Mouctar war zum Papa des letzten Stiebdählers gegangen, hatte selbigem die Tatsachen gnadenlos geschildert, den MP3-Spieler ausgehändigt bekommen und sich mit dem Hightech-Gerät wieder auf den Weg ins Center aufgemacht. Wo er das Gerät mit folgenden Worten übergab:

"Hier ist ES! Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich mich ins Zeug gelegt habe, um den 'baladeur numerique' wieder in die Hände zu bekommen! Ich will überhaupt nichts fordern. Aber wenn ihr mir als Zeichen Eurer Wertschätzung auch so ein Ding geben würdet, dann täte ich es bestimmt nicht ablehnen. BITTE!"

Der Rest ist Schweigen... Wenn ich es könnte - und wenn ich davon überzeugt wäre, dass es der ethischen und moralischen Bildung der Jugend dienen würde - dann würde ich jedem einzelnen Pubertierenden eine solche Unterhaltungsmaschine in die Hand drücken. Doch weder kann ich, noch will ich. Weshalb auch Mouctar weiterhin seine Portion Musik im Center auf die Ohren bekommt... Morgen gibt's im Center jedoch auf allgemeinen Wunsch (und auch um einer eventuelle Lynchjustiz zuvorzukommen), noch mal einen Nachmittag zum Thema: "Wie ich jemandem vergebe, der meinen MP3-Player geklaut hat!" Denn für das Leben lernen wir. Auch in Télimélé...

Übrigens: Hier ein aktuelles Foto von Romy, Heiko und der Gang. Von links nach rechts: Hanna (alias Habi), Romy (alias Rougiyatou), Chrissi (alias Ciré), Bettina (alias Binta), Heiko (alias Hakiim) Außerdem das Gekreuch: Ketchup (alias "Ich-leg-mich-mit-jedem-Hund-an"), Ghostdog (alias "Der Held"), Brownie (alias "Der dickste Hund von Télimélé"), und Mayo (alias "Gib mir Fisch!")

 

 

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